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Ostseeman 2026 – Hits ’n‘ Misses

Was Straßenfotografie bei Extremsport lehrt

Ich bin um 6:45 Uhr aufgewacht.

Das Schwimmen beim Ostseeman 2026 startete um 6:30 Uhr.

Zu spät. Viel zu spät.

Also bin ich direkt zur Rad- dann zur Laufstrecke gefahren bzw. gelaufen, ohne den Anfang des Events, ohne die ersten Schwimmer. Nur mit dem Gedanken: Okay, lass mich sehen, was ich noch einfangen kann.

Das ist Street Photography. Ungeplant. Unperfekt. Authentisch.

Warum der Sport egal ist

Ich bin selbst zweimal beim Marathonpart mitgelaufen. Ich kenne das Leiden. Ich kenne die Überwindung. Also war mir heute der Sport selbst schnuppe.

Was mich interessierte: die Menschen rundherum.

Die Zuschauer. Die Familie mit Pappschild. Der Typ, der zum hundertsten Mal auf die Uhr schaut. Die Frau, die ihren Mann anfeuert und dabei selbst angespannt wirkt.

Das ist der Vibe. Und der ist überall anders.

Technik-Exkurs: Die Sache mit dem Speed

Bei bewegten Objekten wie Radfahrern gibt es zwei Wege, sie zu fotografieren:

Bild 1: Panning mit 1/60s


Ich folge dem Fahrer mit der Kamera. Der Radfahrer bleibt relativ scharf, der Hintergrund verwischt. Das Ergebnis: Du siehst Bewegung. Du spürst Dynamik. Der Fahrer ist im Fluss.

Bild 2: Eingefroren mit 1/2000s


Schnelle Verschlusszeit. Alles ist kristallklar. Kein Motion Blur. Der Fahrer, die Straße, sogar die Speichen sind scharf.

Aber hier ist das Problem: Der Fahrer wirkt statisch. Wie festgefroren. Wie wenn er an der Straße klebt. Keine Bewegung. Keine Dynamik. Technisch perfekt, emotional leer.

Das ist der Unterschied zwischen einer perfekten Aufnahme und einem guten Bild.

Hits: Momente, die funktionieren

Es gab diese Sekunden, in denen alles sitzt.

Ein Läufer, völlig am Ende, und dahinter eine Familie, die applaudiert – nicht weil der Läufer prominent ist, sondern weil sie stolz sind. Echte Freude. Echtes Leiden. Alles in einem Bild.

Ein anderer Moment: Zuschauer mit selbstgemalten Schildern. Hand-made. Nicht perfekt. Aber so echt, dass du die Liebe sehen kannst.

Das sind die Hits. Wenn du nicht nach dem Bild fragst, sondern es einfach da ist. Wenn der Moment dich überrascht, weil er echt ist.

Misses: Was nicht funktioniert

Klar gab es auch die anderen Seite.

Viele Läufer sehen gleich aus: angestrengt, fokussiert, weg. Wenn du 50 Läufer fotografierst, fangen alle an, sich zu ähneln. Das ist kein Fehler der Fotografie. Das ist der Sport. Repetitiv.

Dann die Technik: Bei Gegenlicht war ich überfordert. Die Sonne stand ungünstig. Meine Kamera und ich – wir waren uns nicht einig, wie man das belichtet. Zu dunkel. Zu hell. Irgendwie unentschlossen.

Das sind die Misses. Weil die Bedingungen nicht mitgespielt haben. Oder weil ich nicht schnell genug war. Practice, practice, practice…

Der Unterschied zwischen Event- und Straßenfotografie

Auf Events wie dem Ostseeman möchte man auf Sicherheit spielen. Der richtige Moment. Das Siegerpodium. Das große Drama.

Street Photography ist anders. Sie sagt: Ich weiß nicht, was kommt. Ich bin einfach da. Und wenn ich Glück habe, passiert etwas Echtes.

Der Ostseeman ist beide gleichzeitig. Es ist strukturiert (Start, Schwimmen, Radfahren, Laufen, Ziel). Aber die Momente sind chaotisch, die Gefühle sind ungefiltert.

Das macht es schwer. Und interessant.

Was ich gelernt habe

Straßenfotografie braucht Geduld und Schnelligkeit zugleich. Du musst warten, aber nicht zu lange. Du musst sehen, aber nicht vorplanen.

Beim Ostseeman wurde mir klar: Die besten Bilder entstehen nicht bei den Profis. Sie entstehen bei den Zuschauern. Bei den Menschen, die sich um Fremde kümmern. Bei der Emotion, nicht bei der Leistung.

Und ja, manchmal schläfst du auch zu lange. Dann verpasst du das Schwimmen. Dann fotografierst du nur die Rad- und Laufstrecke. Das ist okay. Nicht immer geht alles auf.

Das ist Street Photography.

Hits ’n‘ Misses

Der Titel sagt es: Es gibt gute Tage und weniger gute. Bilder, die funktionieren, und solche, die in den Papierkorb gehören.

Aber jedes Shooting lehrt dich etwas. Beim Ostseeman war es: Vibe über Perfektion. Gefühl über Aktion. Die menschliche Geschichte über die Sportliche.

Nächstes Jahr komme ich früher. Vielleicht kriege ich auch die Schwimmer hin.

Aber ganz ehrlich? Wahrscheinlich nicht. 😄

2 Responses
  1. „Die besten Bilder entstehen nicht bei den Profis. Sie entstehen bei den Zuschauern. Bei den Menschen, die sich um Fremde kümmern. Bei der Emotion, nicht bei der Leistung.“ Kann ich nur so unterschreiben. Der Reporter interessiert sich in erster Linie für die spannenden Bilder vom Geschehen auf der Rennstrecke, der Streetphotograph für das Geschehen im Hintergrund und für die anfeuernden Personen. Wobei, die Gesichter der angestrengten Läufer können auch gut mit den anfeuernden Gesichtern der Zuschauer in eine Serie gebracht werden. Wenn einem das gelingt, dann ist es Emotion pur. Aber wie Du schon schreibst, vieles daran ist Glückssache und kann nicht geplant werden. Und das Gute, wenn man kein Geld damit verdienen muss, kann man das achselzuckend abhaken und bis zum nächsten Jahr warten. 🙂

  2. Moin Michael,
    das ist genau das – auch wenn ich selber aktiv an solchen Veranstaltungen teilgenommen habe, interessieren mich die Menschen und nicht die Leistungen. Und wenn ich privat dort bin, ist es einfach Spaß am „Momente sammeln und diese gut zu komponieren“ ;-).
    Gruß nach München, Tilman