Spiel mit der Verwackelungsgrenze
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Verwackelungsgrenze kreativ nutzen

„Verwackelungsgrenze“ – was ist das? Man sagt auch manchmal „Freihandgrenze“. Verwackeln – du ahnst es – hat mit der Belichtungszeit zu tun. Wie im Basecamp schon beschrieben, regelt auch die Belichtungszeit – neben Blende und ISO – die Menge des auf den Sensor einfallenden Lichts. Je länger diese Zeit ist, umso mehr Licht fällt auf den Sensor. Gesteuert wird die Belichtungszeit über den Verschluss. Diesen kannst du dir im Prinzip als eine Art 2-teilige mechanische Schiebetür vorstellen, deren erster Teil sich öffnet und das Licht hereinlässt. Nach einer bestimmten Zeit schiebt sich der 2. Teil der Tür wieder vor den Sensor. Anschließend werden beide Teile im Ganzen wieder zurückgezogen, ohne den Sensor erneut zu belichten.

Das ist nur ein Beispiel für einen Verschluss, den man auch Schlitzverschluss nennt. Es gibt auch noch andere, mechanische wie elektronische. Das Prinzip ist so, dass etwas geöffnet wird, Licht hereinlässt und sich dann wieder schließt. So ist die einfachste Variante eines Verschlusses ein Deckel oder eine Klappe, die man per Hand öffnet und wieder schließt. So etwas siehst du bei Pinhole-Kameras oder auch manchen Großformatkameras (in dem Film „Das finstere Tal“ kannst du so etwas sehen). Weil die Zeit über den Verschluss gesteuert wird, wird sie – wenig überraschend – auch Verschlusszeit genannt.

Im Normalfall, also moderaten Lichtsituationen (draußen, tagsüber) ist diese Verschlusszeit relativ kurz, 1/125 Sekunde und kürzer. Mit einer Crop- oder Vollformatkamera, an der sich ein Standardobjektiv von 35 oder 50mm befindet, ist das eine Zeit, die kurz genug ist, um Verwackelungen beim Fotografieren aus der Hand zu vermeiden. Verlängerst du diese Zeit, so näherst du dich der Freihand- oder Verwackelungsgrenze. Die kannst du ermitteln, in dem du die verwendete Brennweite als Nenner der Belichtungszeit verwendest: Bei einem 50mm-Objektiv an einem Vollformatsensor liegt diese dann ca. bei 1/50 Sekunde – dem Kehrwert der Brennweite. Das kannst du als Faustregel verwenden, für einen Crop-Sensor (APS-C oder MFT) musst du allerdings noch den Crop-Faktor berücksichtigen, denn ein 50mm-Objektiv an einer Crop-Kamera wirkt wie ein leichtes Tele-Objektiv – die effektive Brennweite ist also um diesen Faktor länger. Eine schöne Erklärung mit Tabelle dazu findest du auf dieser Seite.

Wie kannst du diese Verwackelungsgrenze kreativ nutzen? Klar, in der Regel willst du unverwackelte und scharfe Bilder machen, aber wenn du Bewegung abbilden möchtest, solltest du einmal mit Zeiten unterhalb der Freihandgrenze spielen.

Ich durfte neulich ein Theaterprojekt mit geflüchteten Jugendlichen in Schleswig fotografieren. Dabei hatte ich relativ Zeit, mich zwischen Schauspielern, PädagogInnen und Regisseurin zu bewegen und zu experimentieren. Es sollten vor allem Fotos für die Presse dabei herauskommen, aber wie die im Endeffekt aussehen sollten, war komplett mir überlassen. Eine schöne Situation, ich konnte die Situation auf mich wirken lassen und in der großen lichtdurchfluteten Aula des BBZ Schleswig alles mögliche ausprobieren.

Eine Szene – ein Spiel – fand im Kreis statt, mit viel Bewegung. Meine Idee war, bei vorhandenem Licht zu fotografieren und diese Bewegung mit Schärfe und Unschärfe zu kombinieren. Dadurch, dass ich ausreichend Zeit hatte, konnte ich mehrere Versuche machen, aus denen ich schließlich zwei Aufnahmen als Favoriten auswählte.

Hier kannst du ein paar Ergebnisse meiner Versuche sehen. Ich hatte eine Brennweite von 50mm auf der Kamera und mit Belichtungszeiten zwischen 1/8 und 1/30 Sekunde experimentiert. Zeiten also, die deutlich unter der Freihandgrenze liegen. Bei den meisten Aufnahmen habe ich die Mitziehtechnik angewandt, also eine Person in den Fokus genommen, sie in der Bewegung mit der Kamera „verfolgt“ und in der Bewegung ausgelöst. Wichtig dabei ist, dass du eine gleichmäßige Bewegung in der gleichen Geschwindigkeit mit deinem Hauptmotiv vollführst und nach dem Auslösen nicht abrupt stoppst, um ungewollte Verwackelungen zu vermeiden und in deiner Versuchsreihe – es wird nicht auf Anhieb klappen – mit reproduzierbaren Faktoren arbeitest.

Vielleicht hast du sogar selber schonmal mit solchen angeblichen „No-Gos“ experimentiert? Jedenfalls hoffe ich, dir hiermit ein paar Tipps mit an die Hand zu geben. Viel Spaß und gutes Gelingen beim Ausprobieren! Deine Erfahrungen dazu kannst du gerne als Kommentar mitteilen.

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