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Verantwortung ist das Wort

Es haut mich immer wieder einigermaßen vom Hocker, wenn ich Reaktionen auf meine Bilder höre, die ich von Leuten auf der Straße mache und die letzlich nichts weiter als „das Normale“ abbilden. Man könnte „normal“ auch mit „echt“ oder „authentisch“ oder „ungeschminkt“ ersetzen. Wenn ich Leute auf der Straße fotografiere, versuche ich, ihnen nach Möglichkeit einen Abzug des Fotos zu geben – das geringste, was ich ich ihnen im Gegenzug für ihre Bereitschaft und Offenheit zurückgeben kann.

Kontrastprogramm

Ich höre manchmal Kommentare wie „Kein Photoshop, sehr gut“, „Die Haare hätteste mir aber noch am Ohr etwas angleichen können“, „Das beste Bild, das ich je von mir bekommen habe. Das schenke ich meiner Frau zu Weihnachten“, „Ich finde das genau richtig, dass du an den Bildern nichts weiter machst“. (Bis auf Schwarzweißkonvertierung, Kontrastangleichung und Ausschnittwahl mache ich tatsächlich nichts). Oder auch „100 year old motherfucker. Thank you“, gefolgt von einem Schraubstock-Händedruck.
Wohlgemerkt: Es handelt sich um Schwarzweißbilder in 10×15, aufgenommen in Hinterhöfen, vor Garagentoren oder fleckigen Mauern. Also in der Umgebung, in der sich diejenigen, die ich in letzter Zeit fotografiere, häufig aufhalten, in ihrer Hood, bei ihren Leuten.

Stelle Fragen an dich selbst

Verantwortung ist das Wort, wenn du vorhast, Leute auf der Straße zu fotografieren, die sich abseits vom allgemeinen Mainstream bewegen. Wenn du Menschen auf der Straße triffst, weißt du nicht, mit wem du es zu tun hast. Welche Geschichte sich hinter dem Gesicht verbirgt. Frage dich zuerst einmal selbst, warum du genau diese Person fotografieren willst. Cooles Tattoo? Piercings? Toll geschminkt? Extravagante Kleidung?

Alles sehr legitime Gründe, Leute auf der Straße zu fotografieren, besonders, wenn du Streetfotografie als Dokumentation des gesellschaftlichen Lebens in der jeweiligen Zeit betrachtest. Wenn du ein interessantes Gesicht siehst – also einmal losgelöst von den vorgenannten Äußerlichkeiten – solltest du einmal bei dir selbst nachhaken. Was macht das Gesicht interessant? Ist es besonders schön, hässlich, alt, verschlossen, traurig, glücklich, oder worin liegt dieser bestimmte Ausdruck begründet? Denke genau darüber nach. Was bedeutet z.B. Schönheit für dich? Es ist gut, hierauf eine Antwort parat zu haben. Nicht unbedingt für dein Gegenüber, sondern besonders für dich selbst.

Möglich, dass du Leute triffst, die es einfach lustig oder cool finden, fotografiert zu werden. Das ist immer wieder gut, denn es macht es dir als Fotograf leichter, auf sie zuzugehen und sie haben kein Problem damit, zu posen und freuen sich über die Aufmerksamkeit, die du ihnen für den Moment gibst.

Jenseits des Selfies

Manchmal jedoch – und je prekärer und heftiger die Geschichte hinter der Fassade ist, umso eher – ist die Bedeutung des Fotografiertwerdens und des Bildes viel größer. Größer, als du es dir vorstellen kannst. Es ist kein Selfie, das einfach ohne großes Nachdenken in die sozialen Medien geladen wird. Deshalb ist mir wichtig, den Leuten möglichst auch einen „echten“ Abzug in die Hand zu geben. Etwas, das sie bei sich tragen und zeigen können und von dem sie sagen „das bin ich“.

Als ich das erste Mal mit einigen Prints im Gepäck an den Ort zurückkehrte, wo ich ein paar Menschen aus dem Abseits fotografiert hatte, hatte ich ein Aha-Erlebnis. Es fielen Sätze wie „Hey, auf dich kann man sich verlassen, cool!“ oder auch „Wir dachten, du kommst gar nicht mehr“,  von den Kommentaren zu dem eigenen Bild einmal abgesehen.

Gib den Leuten also etwas zurück, z.B. einen Abzug des Bildes, das du gemacht hast. Sei zuverlässig und stehe zu deinem Wort. Mache nicht einfach dein Bild und lasse dann nichts mehr von dir hören. Das ist zwar nicht immer möglich. Aber versuche, den Leuten immer persönlich oder wenigstens übers Internet, das Bild zukommen zu lassen. Du wirst feststellen, dass es nicht nur das Bild ist, auf das es ankommt.

3 Kommentare

  1. Mik

    Hallo Tilman,
    ich muss sagen,als ich Diesen Artikel gelesen habe,hatte ich nur eines im Kopf….
    Wie recht Du damit hast !!! Ich kann mich sehr gut reinfühlen, wie es den Menschen aus dem Abseits gehen muss, wenn Sie sich zu einem Foto bereit erklären.
    Wir leben hier auch nicht in einer-Großstadt-, Wiedererkennung ist daher recht groß.
    Deine Bilder gefallen mir-alle- wahnsinnig gut. Wenn man das Thema-Street- gewählt hat, und dies ganz bewusst. Ist es ja schon fast unumgänglich, Geschichten zu hören die einem ans Herz gehen. -Wenn der fotografierte sich Dir Gegenüber auch öffnet- ! Da kommt dann Deine-Verantwortung- zum Zuge…
    Eines wird sehr deutlich, Du bist kein Fotograf der einfach nur abdrückt, und weitergeht! Das finde ich eigentlich nur fair… Viele, ob Fotograf oder einfach Mensch, sehen diese Menschen im Abseits erst garnicht…. Da kommt bei mir das Wort – Oberflächlichkeit- in den Kopf. Davon gibt es meiner Ansicht nach schon viel zu viele auf dieser Welt! Warum sollte ein Obdachloser, weniger Wert sein, als ein –Aufgebretzelter- Mensch mit Arbeit,toller Wohnung..?! Dazu kann ich nur sagen, Paragraph 1….!!! Nicht jeder Obdachloser ist auch gleich ein Säufer! Doch die Menschen -im Abseits- werden gleich in eine -Schublade- gesteckt, bloß schnell wieder zumachen…. -Augen zu und durch- !
    Das Du den Menschen ein Gesicht gibst, finde ich großartig! Und ich wünsche mir mehr davon. Mach bitte weiter so…. Dies ist ein tolles Projekt, dass nur Unterstützung bekommen sollte.
    Du bist mir-Mega- Sympathisch!
    Liebe Grüße,
    Mik

    • Hallo Mik, herzlichen Dank für das Feedback. Im Laufe meiner Arbeit musste auch ich lernen, das Schubladendenken abzustellen, Dinge von der anderen Seite zu betrachten, und nicht mehr nach einer Aufnahme zu denken „Yeah, den/ die habe ich im Kasten“. Empathie und Ehrlichkeit sind Dinge, die man als Fotograf mitbringen sollte, will man auf der Straße fotografieren.

  2. Mik

    Das Du genau diese Emphatie und Ehrlichkeit mitbringst, ist eben auch in Deinen -Bildern- zu sehen…. Sonst hättest Du das eine, oder andere eventuell gar nicht. Auch ich erwische mich ab und zu dabei, jemanden / etwas in die Schublade zu stecken! Aber, ich merke es, und kann es dann wieder relativieren.
    Achtsamkeit -dafür- muss man sich selbst beibringen.
    Lg,
    Mik

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