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Straßenportraits und das kalte Wasser

Tag 2

Ein alter Herr steht alleine an der Bushaltestelle Richtung Stadt. Er hat sich fein gemacht, Hut, Anzug. Ich gehe auf ihn zu, frage, ob ich Fotos machen dürfe. Er lehnt freundlich ab, mit dem Hinweis, er sei doch schon alt und ich noch so jung, man müsse keine Fotos mehr von ihm machen. Ich danke und wünsche ihm einen schönen Tag.
Ein paar Straßen weiter: Ein gepiercter und tätowierter Mann sitzt im Hauseingang in der Sonne. Ich gehe geradewegs auf ihn zu und frage. Er sagt: „Kein Problem, nur zu“. Mein erstes Straßenportrait. Einfach machen.

Gesichter Flensburgs

Seit einigen Wochen umtreibt mich die Idee, so etwas wie ein eBook zum Thema „Gesichter Flensburgs“ zu machen. Ja, ich weiß, keine neue Idee. In den vergangenen Jahren sind mir jedoch immer wieder Menschen auf meinem Weg zur bzw. von der Arbeit oder auch in der Mittagspause begegnet, von denen ich dachte, mal ein Portrait machen zu müssen. Im Zuge meiner derzeitigen Transformation konkretisierte sich das Ganze und ich nahm die Herausforderung an, fremde Leute auf der Straße anzusprechen, und zu fragen, ob ich Fotos von ihnen machen darf.

Als von Haus aus eher introvertierter Typ keine einfache Aufgabe. So manch anderer macht das vielleicht sogar mit links. Ich hatte es bis vor zwei Jahren eher fotografisch mit unbelebten Dingen zu tun, die nicht weglaufen geschweige denn sich wehren können.

Aber offenbar habe ich das Bedürfnis und das Interesse, Menschen abzulichten, ob authentisch oder gestellt. Woher das kommt, lässt sich schwer sagen. Vielleicht ist es für mich doch spannender als Landschaften oder Architektur. Vielleicht ist dies für mich ein Bereich in der Fotografie, in dem es auf das das Einfangen eines ganz besonderen Augenblicks, das intuitive Erfassen der Situation ankommt.

Einfach machen

Das kalte Wasser: Neulich an der Ostsee habe ich mich mal wieder nicht besonders tief reingewagt. Das mag mit einem gewissen Schweinehund zusammenhängen. Den hatte ich schonmal anders im Griff (Marathon und mehr gelaufen). Ein anderes mal an der Ostsee merkte ich, wie kurz diese klitzekleine Moment ist, in dem Entscheidungen passieren (rein jetzt oder zurück aus dem Wasser?). Und dann sprang ich hinein und war kurz überwältigt von dem Augenblick, es getan zu haben.
Genauso ist es für mich, fremde Leute auf der Straße anzusprechen. Oft gehe ich einfach vorüber, manchmal jedoch schalte ich den Kopf ab und gehe direkt auf Menschen zu. Darin liegt wohl das Geheimnis. Einfach machen. Nur nurz nachdenken, wenn überhaupt.

In den vergangenen Tagen hatte ich so ein paar kurze und dafür sehr intensive Begegnungen. Alle spontan, alle mit Menschen, die ich vorher noch nie gesehen hatte, und die kurz vorher noch nicht wussten, dass ich sie fotografieren oder zumindest ansprechen würde.

3 Kommentare

  1. Mik

    Hi,
    herzlichen Glückwunsch zu Deiner „Transformation“, dass erste Bild von Dir ist wirklich gelungen. Es ist ein sehr schönes Bild geworden. Es ist deutlich sichtbar, dass der Mann grad in seiner eigenen-Welt-/ Probleme steckt !
    Ich habe mir jetzt so ziemlich-alles- was Du Fotografiert/geschrieben hast angesehen.
    Wie Du Deine Ängste bewältigen musst, und wahrscheinlich auch jetzt noch bei einigen -Überwindung- brauchst….
    Auch ich habe letztens ein Bild machen müssen…. Etwas liegengelassenes, ein Handschuh, auf einem großen Straßenaschenbecher, hm…
    Dabei bin ich erst vorbei gelaufen,doch ich musste zurück !
    Dieses Bild zu machen, mit meinem-Handy-…. Hat mich Überwindung gekostet.
    Habe nur gedacht, oh je, was die Menschen jetzt wohl von mir denken.
    Aber egal, ich habe es getan.
    Daher kann ich nur erahnen, was in Dir vorgeht, wenn Du auf Menschen losgehst….
    Respekt !!!!
    Ich hoffe Dein -Schweinehund- hat Dich im Blick.
    Grüße , Mik

    • Tilman

      Hallo Mik, es ist wirklich immer wieder etwas Überwindung nötig, wenn ich auf Menschen zugehe. Ich weiß nicht, ob es anderen (FotografInnen) auch so geht. Aber ich halte das auch für wichtig, denn es ist vergleichbar mit Lampenfieber, und das hat jeder auch noch so erfahrene Schauspieler oder Musiker. Es hat mit einer Form von Angst zu tun, wieder einen Schritt zu machen; und diesen dann auch schließlich gemacht zu haben, gibt mir sehr viel. Und ja, auch wenn ich scheinbar belanglose Dinge auf der Straße fotografiere, denkt ein Teil von mir „kümmere dich nicht um die Meinung anderer“, während es ein anderer Teil mit ebendem „Was denken jetzt die anderen?“ versucht. Auch das gehört dazu. Es geht in jedem Fall auch um die Überwindung der eigenen Ängste und Grenzen.

  2. Pingback: Straßenportraits - 8 Monate später · Tilman Köneke

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