Strassenportraits
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Straßenportraits. Spring über deinen Schatten.

Vielleicht bist du noch nie auf die Idee gekommen, Menschen auf der Straße anzusprechen, um von ihnen Fotos zu machen. Oder du warst immer mal kurz davor, hast dich aber nie getraut. Wie meine Meinung dazu ist, und wie ich das mache – wenn ich es mache – kannst du hier lesen.

Was sind Straßenportraits?

Es gibt dazu unterschiedliche Auffassungen, daher will ich hier kurz sagen, was ich meine, wenn ich „Straßenportraits“ sage (und ich glaube, dass das die populärste Definition ist). Straßenportraits sehe ich als ein Subgenre der Streetfotografie, in denen meist ein einzelner Mensch inhaltlich im Vordergrund steht bzw. das Hauptmotiv bildet. Dazu kommt noch ein relativ spontaner Aspekt, denn es ist in dem Fall zwar ein gestelltes Bild, aber dieses ist dennoch innerhalb von wenigen Minuten gemacht und improvisiert. Für mich ist dazu noch wichtig, dass die Person und der Fotograf sich nicht kennen und idealerweise erstmalig miteinander in Kontakt kommen.

Warum sollte ich Menschen auf der Straße fotografieren wollen?

Du musst dir natürlich erst einmal im Klaren darüber sein, dass du so etwas tun möchtest. Ich höre auf Workshops öfter die Aussage „Ich würde auch gerne mal solche Bilder machen, aber ich traue mich nicht, jemanden anzusprechen.“ Es scheint, als ob diese Art der Fotografie eine größere Herausforderung ist, aber ich denke, dass es eine andere Art der Streetfotografie ist. Und da hat jeder Aspekt seine eigenen Herausforderungen, je nachdem, wie man als Fotograf nun selbst „aufgestellt“ ist, z.B. ob man eher intro- oder extrovertiert ist.

Für mich ist es eine andere Art, mich durch die Straßen zu bewegen. Ich gehe langsamer (achtsamer!), schaue mir viele Leute an und beschäftige mich immer wieder mit der Frage „Wie würde ich die-/ denjenigen fotografieren?“. Und ganz wichtig für mich als eher introvertierten Menschen ist es das Heraustreten aus meiner Komfortzone, das mich reizt. Fotografie auf der Straße ist also ganz klar auch ein Beitrag zu meiner eigenen Entwicklung. Nicht zuletzt sind Straßenportraits für mich ein Weg, das alltägliche und öffentliche Leben wahrzunehmen.

Leute ansprechen – die größte Hemmschwelle

Ok. Du weißt jetzt, dass es sehr interessant sein kann, sich auf diese Art dem Leben auf der Straße zu nähern. Aber die große Frage ist nun die, wie man Leute anspricht. Ist das nicht etwas seltsam, jemanden unvermittelt anzusprechen und ein Foto machen zu wollen? Ja und nein. Natürlich holst du Leute aus ihrer eigenen Komfortzone, wenn du sie zunächst einfach ansprichst. Auf eine gewisse Weise bist du ein Störfaktor. Schließlich seid ihr einander fremd, und dein Gegenüber wird sich fragen „was will der da jetzt von mir?“ Rede also nicht allzu lange um den heißen Brei herum. Sei selbstbewusst, achte auch durchaus mal auf deine Haltung und auf die Art, wie du deine Kamera hältst. Verstecke dich und dein Werkzeug nicht, denn du bist der Fotograf, und du weißt, was du tust. Und: Versetze dich auch immer wieder mal in die Situation deines Gegenübers.

Das in meinen Augen Wichtigste ist jedoch, dass du ein ehrliches Interesse an dem Menschen hast, den du fotografieren willst. Das können Äußerlichkeiten, Klischees – langer Bart, Tattoos, ein besonderer Ausdruck, viele Einkaufstaschen, interessante Muster auf der Kleidung, der allgemeine Stil oder was auch immer – sein. Es kann aber auch eine ganz besondere Ausstrahlung sein, die sich nicht an reinen Äußerlichkeiten festmachen lässt. Irgendetwas an dem Menschen wird dein Interesse erregt haben, und das solltest du dir bewusst machen. Es geht dir nicht einfach nur um irgendein Bild. Und das ist wichtig, wenn auf deine Frage eine Gegenfrage folgt.

Daher ist es sehr hilfreich, dass du dir ein kleines Set an Fragen bzw. Antworten zurechtlegst. Klingt jetzt sehr theoretisch und sperrig, aber du wirst darin bald eine Routine entwickeln und Leute unverkrampft ansprechen können. Und das, indem du dir das „Besondere“ an dem-/ derjenigen bewusst machst.

Einfach ist es, wenn es um Leute geht, denen man schon ansieht, dass sie gesehen werden möchten, und die insgesamt schon eine positive Ausstrahlung haben. Es wird dir leicht fallen, zu sagen „Hey, du hast so unglaublich leuchtende/ bunte/ tolle Augen/ Haare/ Tattoos. Darf ich ein Portrait von dir machen?“ Oder: „Deine Ausstrahlung faszinert mich. Kann ich das in einem Bild festhalten?“

Ganz anders ist es, wenn du Leute triffst, die offensichtlich in einer komplizierten Lebenssituation stecken – sei es der Rentner, der im Müll stochert oder die gestresste Mutter mit Kinderwagen und Bergen von Einkaufstüten. Beide würden vielleicht ganz tolle Motive abgeben, aber man kann schlecht sagen „Hallo, darf ich ein Bild machen, wie sie gerade die Mülltonne durchsuchen?“ Nicht gut. Aber mache dir einmal klar, was genau dich daran interessiert. Willst du ein Bild von einem Menschen haben, der in der Mülltonne stochert? Oder wäre es vielleicht interessanter, mit demjenigen erstmal ins Gespräch zu kommen – vielleicht hat dieser Mensch trotz seiner offenbar schwierigen Situation eine positive Ausstrahlung, ein interessantes Gesicht oder Augen, die leuchten. Oder eine interessante Geschichte (sehr wahrscheinlich).

Es ist bestimmt schwieriger, aber wenn dein Gegenüber merkt, dass du ein ehrliches tiefes Interesse an ihm hegst – und nicht einfach ein voyeuristisches und spektakuläres Bild machen willst – wirst du zumindest eine interessante menschliche Begegnung haben. Wenn du deinem Gegenüber ein Interesse entgegenbringst, wird etwas ganz Interessantes und Wichtiges passieren, denn derjenige wird möglicherweise das erste Mal in seinem Leben das Gefühl haben, wirklich gesehen zu werden. Und möglicherweise wirst du dann mit einem Bild belohnt.

Ach so, und die Mutter mit dem Kinderwagen? Hm. Die ist vermutlich so gestresst, dass sie keine Zeit für Bilder haben wird. Aber fragen kostet nichts.

Ein „Ja“ – und nun?

Wenn du so etwas hörst wie „Ja klar, warum nicht?“, dann ist eine große Hürde genommen. Dein Gegenüber hat zugestimmt und dir damit ein bisschen seiner Zeit zur Verfügung gestellt. Nutze sie! Er oder sie wird nichts dagegen haben, sich etwas dirigieren zu lassen. Wenn z.B. der Hintergrund zu unruhig ist, schaue kurz um dich, es wird sich bestimmt eine ruhigere Fläche oder ein interessanterer Kontrast finden.

Mache nicht nur ein einziges Bild. Im Englischen sagt man gerne „Work the Scene“. Arbeite dich an dein Portrait heran. Die ersten Bilder können schon toll sein, aber mache soviele du kannst. Auch ich ertappe mich dabei, nicht mehr als zehn zu machen, dabei sollten es schon 20 Bilder sein. Allein, um unterschiedliche Entfernungen und Blickwinkel auszuprobieren, aber auch, weil du feststellst, dass dein Motiv nach einigen Aufnahmen den „Schutzschild“ fallen lässt und einen ehrlichen und unverkrampften Blick zulässt.

Oh – und deine Kamera? Die solltest du natürlich gut kennen und bereits vorher so voreingestellt haben, dass du dich während der Aufnahme nicht mehr weiter darum kümmern musst. Klar, du kannst kurz manuell die Belichtung messen, aber bei einem Großteil meiner Straßenportraits habe ich die Blende vorgewählt und den Rest (Zeit, ISO) auf Automatik gestellt. Ich habe gemerkt, dass mich dass für den Anfang am wenigsten stresst und ich mich voll auf den Menschen konzentrieren kann. Wenn ich merke, dass mehr Zeit zur Verfügung steht, schalte ich einen Gang runter und stelle manuell ein.

Nein heißt nein.

Klar. Oder? Du kannst bei einem „Nein“ natürlich fragen, warum nicht. Auch wenn du unfreundlich behandelt wirst – was passieren kann – bleib selber freundlich und nett. Wer weiß, was der- oder diejenige an diesem Tag schon so erlebt hat. Außerdem ist Ablehnung in meinen Augen mindestens genauso wichtig wie Zustimmung. Du kannst daran feststellen, wie Leute „ticken“ und wie das öffentliche „Gefühl“ gegenüber Fotografen ist. Auch wenn du eine Ablehnung erfahren hast, bedeutet das nicht, dass du als Person abgelehnt wirst. Wenn du weiter ein ehrliches Interesse hast, kann sich dennoch ein interessantes Gespräch entwickeln.

Du kannst natürlich auch versuchen, dein Interesse nicht nur auf das Gesicht des Gegenübers zu konzentrieren. Auch andere Details wie z.B. Hände oder Schuhe können sehr reizvoll sein. Wenn du deinem Motiv plausibel machen kannst, dass es nicht zu erkennen sein wird, wird aus dem Nein dann vielleicht doch noch ein Ja.

Kann man so etwas üben?

Natürlich. Du kannst üben, dich vermehrt solchen Situationen auszusetzen, die sich etwas komisch anfühlen und in denen du dir seltsam vorkommst. Aber je häufiger du mit Zustimmung oder Ablehnung oder leichter Konfrontation zu tun hast, umso mehr gewöhnst du dich daran. Es gibt einige Übungen, z.B. die „5-Yes-No-Challenge“ von Eric Kim, die ich für ganz sinnvoll halte. Dabei geht es darum, innerhalb eines bestimmten Zeitraumes, z.B. einer Stunde, 5 Zustimmungen und 5 Ablehnungen zu bekommen. Mit diesem leichten Zeitdruck im Nacken schaltest du eher mal deinen Kopf aus und konzentrierst dich nur auf die Menschen, die du ansprechen willst.

Ach so: Ich glaube, dass es einen Unterschied macht, zu fragen, ob man ein Foto oder ein Portrait machen darf. Fotos machen kann schließlich jeder, aber „Portrait“ klingt ganz anders und drückt implizit eine andere Art der Wertschätzung aus.

Hast du schon immer mal mit dem Gedanken gespielt, Straßenportraits zu machen? Wie hast du das gemacht? Wie hast du dich überwunden? Oder stehst du noch kurz davor? Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen!

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