Farbfotografie vs. Schwarzweiß: Verwitterte Strukturen eignen sich gut für die Schwarzweiß-Fotografie.
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Geht auch in Bunt? Farbfotografie vs. Schwarzweiß

Ich kann mich noch vage daran erinnern, dass eine deutsche Zeitung nach langer Schwarzweiß-Zeit auf den Einsatz von Farbfotografie umgestellt hatte (War es die Zeit oder der Spiegel? Wenn jemand weiß, welche Zeitung das wann tat, schreibe gerne einen Kommentar!). Nicht dass es dafür einen technischen Grund gab. Denn Farbfotografien waren zu jener Zeit – ich rede vom ausgehenden 20. Jahrhundert – in Zeitungen und Zeitschriften gang und gäbe. Aus irgendeinem Grund schien es, dass Schwarzweiß authentischer oder seriöser wirkte.
Auch bei Fotografen wie James Nachtwey ist nach jahrzehntelanger Arbeit in Schwarzweiß eine Art geistiger Wandel eingetreten zugunsten der Farbfotografie (was gerade Nachtwey einige Kritik einbrachte, sahen seine Farbfotos in den Augen einiger Betrachter „zu schön“ aus).

Die Welt in Farbe

Was bedeutet das für dich als Street-/ Portrait-/ sonstwas-Fotografen? Muss Street immer in Schwarzweiß sein? Manch einer meint das, denn es sieht ja meistens cooler aus. Ist dem wirklich so? Es gibt Bilder, die auf beide Arten funktionieren. Und es gibt hervorragende Streetfotos in Farbe.

Im Zweifel könntest du

1. Einfach mal eine Farbfotografie in Schwarzweiß umwandeln und aus dem Bauch heraus spontan entscheiden. Im Rückblick wirst du vielleicht sehen, warum du dich für die eine oder andere Variante entschieden hast. Das ist die Trial-and-Error-Variante.

2. Möglichkeit: Besser ist es, vor der Aufnahme zu wissen, ob es sich eher um ein farbiges oder monochromes Bild handeln wird, das du aufnimmst. Herrschen Farbkontraste vor? Oder eher Linien oder Formen bzw. Hell-Dunkel-Gegensätze? Oder reine Größenunterschiede?

Vorvisualisieren, oder was?

Das ist sicherlich der schwerere Weg. Aber wie so oft lohnt er sich. Im Vorfeld der Aufnahme kannst du dir also einmal Gedanken machen, ob du eher ein Farb- oder Schwarzweißbild machen willst. Prävisualisierung ist das Zauberwort.

Klingt zu kopflastig? Ich würde einfach mit der ersten Variante beginnen. Mache fürs erste deine Bilder spontan und aus dem Bauch heraus und entscheide später.Wenn du dranbleibst, wirst du sehen, dass du die oben erwähnten Fragen (Farbkontraste, dominante Linien, Hell-Dunkel-Kontraste usw.) bereits beantwortet hast. Die Entscheidung verläuft oft unbewusst, und du wirst sehen, dass einige Entscheidungen eben auch bewusst getroffen werden können.

Farbfotografie und Schwarzweiß im Vergleich: Starke Farbkontraste können auch in der monochromen Variante funktionieren, wenngleich auch weniger ausdrucksstark.

Farbfotografie und Schwarzweiß im Vergleich: Starke Farbkontraste können auch in der monochromen Variante funktionieren, wenngleich auch weniger ausdrucksstark.

Du kannst dir z.B. vornehmen, auf deinem nächsten Fotostreifzug eine bestimmte Farbe oder Farbkombination in die Bilder zu integrieren. Und mit einem Mal hast du lauter Bilder von gelben Regenmänteln vor ebensolchen Briefkästen. Das wäre in Schwarzweiß natürlich wenig sinnvoll, und das Bild nicht weiter spannend. Genauso, wenn du mit Farbe eine bestimmte Assoziation, ein Gefühl oder eine Stimmung erzeugen möchtest (Wärme, Kälte, Liebe, Frische). Wenn du dich andererseits mehr auf Linien oder Formen konzentrierst, wäre die Schwarzweiß- der Farbfotografie vorzuziehen.

Ein Traum in Schwarz und Weiß

Wäre dann ein toller und eindrucksvoller Sonnenuntergang (der, den du in deinem letzten Urlaub aufnehmen wolltest, dich aber nicht getraut hast, da Sonnenuntergänge per se kitschig sind) ein klassischer Fall für Farbfotografie, da sonst die Stimmung verloren ginge? Nicht unbedingt.

Abgesehen davon, dass Du auch einen banalen Sonnenuntergang interessant gestalten kannst, ist es auch keine unbedingte Frage von Farbe oder Schwarzweiß. Wenn du deine Beobachtungsgabe schulst und dich von der bloßen Farbstimmung löst, kann dir auch ein interessantes Sonnenuntergangsbild gelingen. Ich denke da spontan an Formen (Sonnenscheibe, Wolken), Silhouetten (Menschen, Vögel, Landschaftsteile) und Linien (z.B. Gebirgsketten) und Verläufe im Himmel. Vor allem – um bei dem Landschaftsbild mit Sonnenuntergang zu bleiben – wenn du es schaffst, viele Farbnuancen und Pastelltöne in unterschiedlichen Graustufen abzubilden. Was aber eine genauere Kenntnis der Möglichkeiten zur Konvertierung in Schwarzweiß voraussetzt. Bloßes Entsättigen in Photoshop oder Lightroom ist hier wenig zielführend.

Schwarzweiß bedeutet immer auch eine weitere Stufe der Abstraktion. Ein Bild, das in Farbe gut aussieht, muss monochrom nicht zwingend gut sein. Andererseits wäre manches Schwarzweißbild als Farbfotografie nicht sonderlich beeindruckend.

Frage dich also, was dein Bildthema ist und die dafür wichtigen und notwendigen Elemente in deinem Bild sind. Kannst du die Aussage durch Farbe unterstützen? Oder sind eher Linien, Formen und Hell-Dunkel-Kontraste vorherrschend? Mach viele Bilder, aber mache sie mit Bedacht und untersuche sie im Hinblick auf diese Fragen. Es lohnt sich.

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